10 Jahre selbstständig. 10 Jahre die gleiche Grundaussage: Die Berufungsfrage ist die Kardinalfrage! Seit 2007 begegne ich Ihnen, Kunden, Netzwerkern und Kollegen mit Beiträgen in Büchern und Artikeln. Sie waren vielleicht auf einem Workshop, einer Netzwerkveranstaltung. Und nun starte ich mit kritischem Tenor zur Berufung? Weit gefehlt!

10 Jahre ist eine lange Zeit. Heute beraten sehr viel mehr Trainer und Coaches Berufstätige dabei, zu finden, was sie wirklich wollen. Sie wollen Mut machen, zu tun, wonach das Herz des Menschen ruft. Der Ruf zur Liebe, Fülle und Glück ereilt den Menschen, der sich leidend nach der Berufung sehnt. Die eigene Berufung ist somit der Königsweg zum glücklichen Beruf. Warum also das mit dem Kreuz? Ist die Berufung nicht die Lösung, um mit dem Leiden endgültig Schluss zu machen?

Von der Berufung geht Hoffnung aus – zu Recht! War die Beschäftigung mit dem Ruf des eigenen Herzens zu meiner Jugendzeit noch ein Luxus, wollen heute immer mehr spirituelle Berufstätige ihren eigenen Träumen folgen. Der Weg zur eigenen gelebten Berufung wird oft als Visionsfindung erlebt. Die Visionen der sich beruflich spirituell neu orientierenden sind zu Beginn überwiegend romantisch und euphorisch. Mit der Suche nach der Berufung wird Selbsterkenntnis, Sinnfindung und Positionierung verbunden. Wenn da nur nicht diese unguten Gefühle wären. Der Pioniergeist, die Bereitschaft zum Wagnis ist weiterhin schwach ausgeprägt.  Was ist mit den Gefühlen? Wird dem Gefühl ausreichend Gehör geschenkt?

Die eigene Berufung fördert die Schöpferkraft für den Neustart. Das Finden der ureigenen Identität lässt manche Konvention überwinden. Der schöpferische Geist ist kreativ, zerstörerisch und fördert neue berufliche Ideen. Dieser Erfolg wird möglich, wenn der Geist mit der Seele kooperieren darf. Die Seele jedoch spricht nicht mit Worten. Es sind echte Gefühle, die uns helfen herauszufinden, was wir aus tiefstem Herzen tun wollen. Auf dem Weg zur Berufung und zur Idee müssen wir zuerst fühlen, worum es im Innenleben geht. Weil sich das echte Gefühl ungewohnt bis unangenehm anfühlen kann,  unterbinden viele den heilenden Berufungsprozess. Im Übrigen ist das Coaches und Trainern auch nicht fremd. Mir ebenso nicht!

Notwendiges Leiden

Weshalb überhaupt wollen/wollten Sie Ihre Berufung erkennen? Und wie realisieren Sie als Berufene/r erfolgreich Ihre erkannte Berufung? Die Antwort lässt sich für mich im folgenden Satz finden:

„Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein.“ (LK 14,27)

O.K. Das mit dem Kreuz ist etwas für Christen. Wir können dem Kreuz auch den Namen „menschliche Zerrissenheit“ geben. Wir sind mehr als nur ein Wesen, Kräfte streben widersprüchlich nach vielen Seiten.  Wir sind viele Wesen. Und weil diese Wesen in uns im Streit liegen, kommt es irgendwann zum Ausbrennen. Weil Wesenszentren – falsches und wahres Selbst –  nicht miteinander sondern gegeneinander arbeiten, entweicht die Energie. Der Verstand und die Seele arbeiten sich aneinander ab. Der Verstand mit seinen Meinungen, Überzeugungen und Glaubensmuster plädiert für einen Verbleib im Schutzschirm des Berufs. Er kontrolliert und wird jede Form des Veränderns kritisch hinterfragen. Gefühle der Freude – aber auch der Trauer, Wut und Angst  sind Ausdrucksformen der Seele. Damit wir aber vom Überleben zum Leben finden, braucht es auch Gefühle des Leidens. Wir brauchen das Leiden, um die Krise zu überwinden. Und wir benötigen das Leiden in Form aller Gefühle, um das Berufungsprojekt zum Gelingen zu bringen.

Das ist alles andere als leicht. Anschaulich werden solche Einsichten mit erlebter Realität. Hunderte Male erlebt mit Kunden, immer wieder schmerzhafter eigener Berufungsprozess. Das Leben ist notwendigerweise hart, sagt der Franziskanerpater Rohr. Und wenn ich dankbar und mit Freude auf 10 Jahre Selbstständigkeit in der Berufung zurückblicke, dann stelle ich mir die Frage: Habe ich meiner Seele als Berufener ausreichend Gehör verschafft? Ist mir dies als Berufungscoach im Überlebenskampf hinlänglich geglückt?

Ich stelle heute mit Demut fest: Als ich im Vorfeld meiner Berufung zum spirituellen Berufscoach den Jakobsweg lief, hatte ich als Betriebswirt erfolgreiche Überlebensjahre im Gepäck. Der Aussage von Albert Schweizer: „Das Leben besteht hauptsächlich aus Umwegen.“, konnte ich folgen. Über den zweiten Bildungsweg ein Studienabschluss und anschließend gutbezahlte Position in einem Frankfurter Konzern. Der Weg zum Überleben schien für eine Weile ohne Lebendigkeit möglich. Körperliche Symptome eines Burnouts zeigten sich irgendwann. Weil ich keinen Zugang zu meinen Gefühlen hatte, suchte ich Antworten in der Bibel und studierte Theologie.  Erst Tränen und Blasen auf dem Jakobsweg, Schreien und Weinen auf einsamen Pfaden, schenkten mir die Einsicht. Leiden, das Verstehen lernen der eigenen Gefühle gehört zur Berufungsarbeit: Richard Rohr: „Es braucht einen kräftigen Schubs, viel Selbstzweifel und ein gewisses Maß an Abstand, um die eigene Seele und die eigene Bestimmung hinter dem zu finden, was Mama und Papa für einen vorgesehen hatten.“

Ich beendete den bequemen Weg des Überlebens als Banker und suchte eine Antwort, die mich zur Liebe und Freude führt. Und doch ist auch ein Weg des Leidens geblieben. Leiden dann, wenn es um Gefühle geht, eben Gefühle, die auch schmerzhaft sein können. Deren Botschaften zu verstehen ist ein wesentlicher Bestandteil zur Entwicklung unserer Berufung.

Leben Sie Ihre wirkliche Berufung!

Herzliche Grüße

Guido Ernst Hannig

 

www.neue-wege-zur-berufung.de

P.S.: Wichtige Termine:

Einzelworkshops in Bad Vilbel: nächster Termin am 27.10.2017

Männergruppe im Kapellenhof am 22.11.2017